Das Zypern-Exempel
Zypern ist ein Land, in dem russische Oligarchen ihre Milliarden anlegen, eine Steueroase und der Hort der Undankbarkeit in Bezug auf das ESM-Hilfsangebot. Eindeutig und klar.
Jetzt echt? Ist das so eindeutig und klar?
Ja, in Zypern legen auch (nicht nur) russische Investoren (die NachDenkSeiten analysieren einmal den Unterschied zwischen Investoren und Oligarchen) ihr Geld an. Ja, Zypern hat vulgär niedrige Firmensteuersätze (10% statt 12,5% in Irland, letzteres gilt nicht als Steueroase, jedenfalls nicht in den Medien). Ja, Zypern hat ein (gewaltiges) Liquiditätsproblem. Ja, Zypern hat einen gewaltigen Bankensektor.
Das größere Problem aber ist das ESM-Hilfsangebot.
Inhaltlich geht es darum, dass Zypern mehr als 16 Mrd. EUR benötigt, um seine Liquidität und die Liquidität seiner Banken sicher zu stellen. Die europäischen Finanzminister bieten 10 Mrd. EUR als Hilfe an, die restlichen 6 Mrd. EUR muss Zypern selbst aufbringen. Dabei ist Zypern n i c h t freigestellt, wie es das macht, sondern es muss die Kunden der Banken daran beteiligen (bis 100.000 EUR Guthaben müssen 6,75% abgeführt werden, darüber hinaus 9,9%). Das gilt für alle Kunden, so ist es jedenfalls ursprünglich gefordert worden (siehe bei der Tagesschau). Darüber hinaus muss Zypern seine Firmensteuersätze auf 12,5% erhöhen und die Leistung des Bankensektors muss auf das 3,5fache der Wirtschaftsleistung begrenzt werden (aktuell ist es das 8fache).
Das ist in der Form kein Hilfsangebot, das ist ein Exempel. Dadurch würde der Bankenplatz Zypern in die Steinzeit zurückgebombt. Aber das ist eigentlich nebensächlich, denn es geht weniger um die Größe des Bankensektors, als um eine klare Ansage. Und um die Frage, wer davon profitiert.
Die Finanzminister der Euro-Zone haben bewusst ein Exempel statuiert, bei dem der Euro-Raum (ohne Zypern) in jedem Fall der Gewinner ist. Es ist offensichtlich, dass Otto Normalsparer in Zypern einen durchaus spürbaren Teil seiner – bestenfalls – Ersparnisse abgeben soll. Was wäre denn die Reaktion der Betroffenen, wenn das so umgesetzt werden würde? Proteste? Bürgerkrieg? Irgendwas dazwischen? In jedem Fall hätte es heftigste Unruhen gegeben, denn 6,75% eines kleinen Guthabens bemerkt der Betroffene viel unmittelbarer, als 9,9% von hunderten Millionen EUR. Effektiv hätte also der Durchschnittsbürger die Zeche zu bezahlen gehabt, Großanleger hätten sich zwar geärgert, aber bis auf eine recht kurzfristige Zins-Gewinndelle eher nichts gemerkt. Das kann Politik nicht mehr vermitteln, das ist bestenfalls politischer Selbstmord.
Der Gedanke hinter den genannten Konditionen war deshalb auch nicht, ein ernstgemeintes und annehmbares Hilfsangebot zu unterbreiten (was die Reaktionen der zypriotischen Bevölkerung auch deutlich gezeigt haben), sondern es ging um ein Exempel. Zypern dient hier nur als Beispiel. Man versetze sich einmal in die Rolle eines italienischen, griechischen, spanischen oder portugiesischen Regierungschefs, der ggf. auch (oder wieder) die Hilfe des ESM in Anspruch nehmen muss – welche Optionen hat der denn zukünftig (denn wer glaubt daran, dass bei den nächsten Angeboten grundsätzlich hinter eine derart gezogene Linie zurückgegangen wird)?
Entweder er verklickert seiner Bevölkerung, dass sie um mindestens 6-10% ihres Guthabens erleichtert wird (bzw. analoge Regelungen ertragen darf), oder … er tritt freiwillig aus dem Euro-Raum aus. Denn genau das ist die Message des Hilfsangebots – enteigne Deine Bevölkerung oder tritt aus. Regierungschefs, vor so eine Wahl gestellt, würden sich wahrscheinlich für die Alternative des Austritts entscheiden, denn dann besteht wenigstens die vage Möglichkeit, irgendwie durch- und nach einiger Zeit wieder auf die Beine zu kommen.
Das ist dann letztlich eine Win-Win-Win-Situation für alle Anderen:
- Entweder die Bedingungen des Hilfsangebots werden angenommen (Win)
- Oder das Land tritt aus dem Euro-Raum aus, führt eine eigene Währung ein und sieht, wie es zurecht kommt (Win, denn das Problem ist kein eigenes Problem mehr, der EUR wird gestärkt)
- In jedem Fall muss das Land hinterher wirtschaftlich wieder aufgebaut werden – dank der eigenen stärkeren Wirtschaft kann man daran partizipieren (Win)
Bevorzugt wird – das hat man ESM-Angebot an Zypern gesehen – der Austritt, denn der kommt kurzfristig billiger, beruhigt die Börsen (ja, das ist auch ein Bonbon für die Finanzindustrie) und sorgt dafür, dass die eigene Kreditwürdigkeit keinesfalls ruiniert wird. Eine Sorge weniger also. Und genau das war die Intention des ESM-Angebots.
Dazu kommt, dass man das beispielsweise in einem deutschen Wahlkampf wunderbar verwenden kann (passt aber auch auf andere europäische Länder):
- Man hat Härte gegenüber den “Sündern” gezeigt
- Man hat kein gutes deutsches Geld den nichtsnutzigen Südländern hinterher geworfen
- Die Sozis müssen entweder unsoziale Bedingungen tragen oder können als verantwortungslose Rettungsverhinderer hingestellt werden
- Die aufkommende
rechtebürgerliche und euroskeptische Konkurrenz (AfD) kann klein gehalten werden, schließlich sorgt man für Recht und Ordnung
Die anderen europäischen Länder ziehen mit, denn sie wissen, dass erstens ihre Bevölkerung kaum mehr Verständnis für einen weiteren Geldfluss gen Süden hätte und zweitens gegen Deutschland eh kaum mehr etwas läuft. Zudem ist es viel einfacher, mit dem Finger auf Deutschland zu zeigen – und unser GröFAZ (Größter Finanzminister aller Zeiten) nimmt die Rolle des harten Burschen gerne an.
Letztlich ist das dann deutscher Wahlkampf, ausgefochten auf dem Rücken der Zyprioten und mit der klaren Ansage gegenüber den anderen problembehafteten europäischen Staaten, dass sie entweder härteste Bedingungen zu ertragen hätten oder den Euro-Raum verlassen müssten.
Epic Win.
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