Die neuen Nokia Lumia Modelle – Design und Preis statt High-End?
Heute hat Nokia die neuen Lumia-Modelle vorgestellt, Windows Phone-Smartphones, die beide (plattformtypisch) nicht mit den High-End-Killerfeatures der Konkurrenz (diverse HTC-, LG- und Samsung-Galaxy-Modelle, allesamt mit Android) mithalten können, da die Windows Phone-Plattform technisch eher konservativ daher kommt: 800x480er Display, Single-Core-Prozessor, kein LTE oder andere Technologien.
Die Presse beschwert sich dementsprechend sofort und kreidet Nokia an, keine High-End-Geräte, wie die anderen Hersteller zu bauen:
Mit dem Lumia 800 wolle man einen neuen Standard definieren, heißt es nun von Nokia, dabei handelt es sich technisch nur um ein Mittelklassemodell
Fast peinlich berührt, stellt man fest:
[…] was vor allem das neue Highend-Modell Lumia 800 auszeichnet, ist sein Design. […] Bemerkenswert ist der nahtlos ins Gehäuse eingelassene Bildschirm. Im Ruhezustand ist er vollkommen schwarz, macht das Lumia zu einem eleganten Accessoire. Schön ist das Gerät ohne Frage. Sicher ist es eines der am besten designten Handys der Gegenwart
Was man an diesen Aussagen und Formulierungen wundervoll sehen kann, ist genau die Denke, die in der Vergangenheit schon Windows Mobile zu Fall brachte und in der Gegenwart beispielsweise Nokia oder BlackBerry in Schwierigkeiten bringt: Es müssen nur genug Features da sein, dann kaufen die Leute das schon von ganz alleine.
Tja.
Nein.
Eben nicht.
Man sieht es eben an Windows Mobile, an Nokia selbst, an HP / Palm, an BlackBerry, auch an Motorola, SonyEricsson, LG oder anderen Herstellern: Es reicht eben nicht aus, alles mögliche an Technik in ein System reinzustopfen, sondern es geht darum, dass es den Endkunden auch anspricht.
Und der Endkunde möchte: Design, cooles UI, auch etwas coole Technik und ein Ökosystem.
- Otto Normalverbraucher will ein schickes System, das einfach funktioniert und untechnisch wirkt – deshalb kauft er ein iPhone und ein Android-Telefon (gerade bei Samsung dank TouchWiz ja das iPhone-UI für Arme oder bei HTC einfach eine hübsche und praktische Oberfläche dank Sense) oder eben zunehmend ein Windows Phone, nicht aber ein Symbian^3-System oder ein BlackBerry-Gerät.
- Daneben will der Endkunde ein geil aussehendes Device. Das war die absolute Archillesferse der Windows Phones – von denen hat keines (vielleicht mit Abstrichen das Omnia 7) den Endkunden angesprochen, das ändert sich in diesen Wochen mit den neuen HTCs und den Nokias. Diverse Android-Geräte und natürlich auch die iPhones haben schon längere Zeit über das Design die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, gleiches galt auch für verschiedene Nokia-Modelle der jüngeren Zeit (nur hatten die halt kein schickes und benutzerfreundliches System).
- Er will ein Ökosystem – nix, wo er überlegen muss, wo er irgendwas her bekommt, sondern einfach alles haben: Apps, Musik, Videos. Idealerweise mit der heimischen Musik- und Videosammlung nahtlos synchronisiert. Und alles extrem unnerdig, keine sonderlich anspruchsvolle Software, sondern iTunes und vielleicht auch Zune. Das war genau das, was Palm / HP nie hatte, was BlackBerry nicht hat und was ihnen letztlich das Genick gebrochen hat.
- Und am Ende des Tages will er sich keinen Wolf bezahlen – das iPhone wird meistens mit Vertrag gekauft, bessere Android-Geräte ebenfalls. Wenn Nokia und HTC jetzt Windows Phones auf den Markt bringen, die funktional alles haben, schick sind, prominent platziert werden und dann auch noch preiswert (ca. 320 EUR ohne Vertrag) sind, dann kann man davon ausgehen, dass es den Endkunden anspricht. Mich spricht es jedenfalls an.
Also: Nokias Schachzug, hier nicht die High-End-Boliden hinzustellen, sondern schicke, praktische, coole und vernetzte Geräte anzubieten, wird aufgehen.
Und die, die meinen, Geräte verkaufen sich über die alte Featuritis, die verkennen die Tatsachen und betrachten die 5% der Spitze, nicht aber den breiten Markt: Der Consumer bestimmt heute, was im Markt ankommt, nicht mehr das technische Fact-Sheet. Und das ist auch gut so.
Comments(2)
Hi Karsten.
In der Regel stimme ich ja meistens deinen Beiträgen zu, aber an der Stelle finde ich, dass du die Sache doch etwas zu einseitig siehst.
Klar muss Nokia auch den Durchschnittskunden ansprechen, was mit dem Lumia 800 auch ganz gut gelingen dürfte.
Dennoch seh ich’s recht problematisch, dass Nokia kein richtiges Flaggschiff von Anfang an auf den Markt wirft. Damit mein ich nicht, dass sie das Handy mit Technik vollstopfen müssen, wie Dual Core, 1GB Ram usw., was Windows Phone 7 eh nicht nötig hat [und worauf auch sonst viel zu viel herumgekaut wird], sondern vielmehr Features die man täglich braucht bzw. die das Gerät Zukunftssicher machen.
Konkret geht es mir eigentlich um 2 Punkte, die m.E. den derzeitigen Nokiamodellen fehlen und welche auch mich vom Kauf abhalten:
- Größer Bildschirm (unter 4″ möchte man irgendwann einfach nicht mehr gehen), aber ok, Geschmackssache
- Eine zweite Kamera für Videochat, in meinen Augen ein KO Kriterium.
Demnächst dürfte Skype Einzug auf WP7 erhalten und vermutlich auch Videochat unterstützen. Aber selbst wenn nicht, sind Videochat Apps im Kommen.
Da kauft man also ein nagelneues Handymodell auf Mango-Basis, kann aber nicht mit dem Funktionsumfang der anderen Hersteller mithalten und Videochat nutzen und das nicht mal mit dem hochwertigsten Produkt aus dem WP7-Portfolio von Nokia.
Ich frag mich wirklich wo der Anreiz sein soll, von z.B. dem Omnia 7 auf ein Nokia Lumia Modell umzusteigen. Die schnellere CPU? Die bessere Kamera? Ja mag ganz nett sein, aber wenn man schon umsteigt dann doch bitte auf zukunftssichere Hardware…
In meinen Augen wäre es der beste Schachzug gewesen, drei Modelle von Anfang an auf den Markt zu bringen, um auch die ganzen WP7-Fans anzusprechen, welche wohl als erstes auf ein neues Flagschiff Modell umspringen dürften. Den an diesen Verkäufen könnte man noch etwas mehr verdienen und sich nicht zuletzt über die kostenlose Werbung freuen, denn diese Zielgruppe dürfte wohl diejenige sein, die am ehesten den Willen Zeigt, Freunden die tollen neuen Features usw. zu zeigen.
Außerdem hätte ich derzeit einen weiteren Marktstrategischer Vorteil gesehen, gleich jetzt ein Flagschiff einzuführen. Denn ich finde, dass nachdem das iPhone 4S nicht ganz so gut vom Endkunden angenommen wurde wie erhofft, dies die ideale Gelegenheit gewesen wäre, um neue Kunden aufs WP7 Board zu locken und ans Ökosystem zu binden und nicht erst zu warten, bis man wieder in Konkurrenz mit einem iPhone 5 steht…
Viele Grüße
Bernhard
Bezüglich der Frontkamera stimme ich Dir so halb und halb zu: Ja, könnte für viele Kunden (u.a. für Dich
) ein Killerfeature sein – für andere ist es aber schlicht nicht wichtig (für mich), die legen den Fokus vielleicht mehr aufs Design.
Funktional scheint es mal grundsätzlich nicht viel zu Maulen zu geben (bis auf die fehlende Frontkamera, das fehlende Gyro und den fest verbauten Akku – hey, mir fällt auf, das sind doch ein paar Sachen…
) und ich finde es einfach echt gut, dass es für die Plattform jetzt auch ein Gerät gibt, das Design ganz groß schreibt.
Bezüglich der Display-Größe kann man auch geteilter Meinung sein: Ja, 3,7 Zoll sind nicht die Welt, andererseits hat das iPhone auch nicht mehr, das Gerät ist kompakt und aufgrund der geringeren Größe wirkt die Darstellung natürlich knackscharf. Auf der anderen Seite hatte ich auch schon das HTC Titan in der Hand – wow! 4,7 Zoll-Display (und Front-Kamera und Gyro), gute Verarbeitung, sauschnell, aber eben leider nicht *das* Design-Monster wie es iPhone oder Lumia 800 sind.
Ansonsten sind es halt zwei Flagschiffe – das Titan und das Lumia. Aber Du hast Recht, ein wahres, echtes, richtiges Flagschiff, das alles unter einer Haube vereint, gibt es derzeit nicht.
Aber wer weiß, was kommen wird?