POLITIK: Stasi-Hysterie
Der Fall Kurras ist momentan in den Medien eines der Top-Themen, denn Kurras war inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Diverse Medien rufen nun nach einer umfassenden Aufarbeitung der (west-) deutschen Geschichte oder wollen diese – speziell beim Thema Studentenunruhen – gleich komplett umschreiben.
Überall herrscht aktuell eine regelrechte Stasi-Hysterie – da wird gemunkelt, dass die Stasi ja quasi Auslöser der Studentenunruhen war, da wird überlegt, ob jetzt die Geschichte neu interpretiert werden müsse, da wird überlegt, ob die Spitzelaffären bei Telekom und Bahn nicht vielleicht auch das Werk von alten Stasi-Seilschaften gewesen seien.
Diese Aufregung zeigt jedoch nur an, dass die (alte) Bundesrepublik sich nach wie vor nicht mit ihrer Vergangenheit und den Hintergründen der Studentenunruhen 1967 auseinander gesetzt hat. Sie zeigt, dass diverse Medien (aus dem Springer-Konzern vorrangig) die Gelegenheit nutzen wollen, sich quasi im Vorbeigehen dieser alten Geschichten und der eigenen Mitschuld zu entledigen. Sie zeigt, dass auch heute noch alte Sündenböcke für die eigenen Fehler und Versäumnisse herhalten müssen. Sie zeigt, wo Deutschland 2009 geistig steht.
Zum Thema “Studentenunruhen” sei angemerkt, dass sich durch die Enttarnung von Kurras als Stasi-Zuträger nichts, aber auch überhaupt nichts im Rückblick ändert: Der Muff von 1000 Jahren war dennoch da, die brutalen Polizeiübergriffe beim Schah-Besuch waren davor geschehen, das Attentat auf Rudi Dutschke wäre höchstwahrscheinlich trotzdem passiert, die Hetze der Springer-Presse (anders kann man das wohl kaum bezeichnen) lief schon, die nicht wirklich erfolgte Aufarbeitung der Geschichte geschah in den zwanzig Jahren davor ja ohnehin. Also, was hätte sich an den Studentenunruhen geändert, wäre damals bekannt geworden, das Kurras Stasi-Spitzel war? Zumal er ja dennoch Polizist gewesen ist?
Die Springer-Presse (und andere, mit dem Springer-Konzern geschäftlich oder intellektuell verbandelte Unternehmungen, zu denen auch ein ehemaliges Hamburger Nachrichtenmagazin gehört, wie man schon deutlich bei der Rechtschreibungsdebatte beobachten durfte) hat damals ihren Teil (einen gewaltigen Teil!) dazu beigetragen, das die Situation so eskaliert ist. Die Verunglimpfungen und die einseitige, voreingenommene Berichterstattung waren und sind ja Unternehmenspolitik. Die Aufdeckung, das Kurras bei der Stasi war, wird jetzt allerdings nur zu gerne genutzt, um von der eigenen Schuld und den eigenen Verstrickungen abzulenken. Gleichzeitig kann man nolens volens die Studentenbewegungen ganz in Ruhe aus ihrer glorifizierten Widerstandsecke holen – nicht der Staat hat Ohnesorg erschossen, sondern die Stasi. Also kann die Schuldfrage anders gestellt werden, also können eigene Verstrickungen bagatellisiert werden.
Besonders genial fand ich in diesem Kontext übrigens die Frage im DLF an einen ehemaligen Studentenaktivisten: Ob er jetzt nicht seine Rolle ganz anders bewerten müsse, wenn Ohnesorg von der Stasi und nicht von der Polizei erschossen wurde… So wird es zukünftig wahrscheinlich häufiger geschehen.
Und die allgemeine Stasi-Debatte hat auch ihren Zweck: Viele, viele datenschutzrechtliche Verfehlungen und viele Verstöße gegen das Gesetz werden – zumindest in der Öffentlichkeit – mit alten Stasi-Kadern begründet. Das macht es für die Unternehmen vergleichsweise einfach, denn so müssen sie sich nur dafür rechtfertigen, das sie ehemalige Stasi-Mitarbeiter eingestellt haben (kann ja auch sein, dass man das gar nicht gewusst hat, die konnten sich ja so toll tarnen). Die Verstöße sind dann immer Verstöße Einzelner, also der Stasi-Mitarbeiter. Und wir glauben es.
Ja, so erfüllt die Stasi-Hysterie ihren Zweck. Und – da sie ja nicht in Ruhe und sachlich geführt wird – man kann gleich wieder hunderttausende oder Millionen von ehemaligen DDR-Bürgern in ihre Ecke weisen: Stasi-Mitarbeiter, Verbrecher, böse Menschen. Und im Zweifelsfall muss man es noch nicht mal beweisen können, der Verdacht reicht aus. Fehlt eigentlich nur noch, dass man feststellt, dass auch die Kinderpornosache von der Stasi aufgezogen worden ist. Dann würde sich der Kreis schließen.
Widerlich.
Disclaimer: Ich möchte nicht die Verbrechen und die Unterdrückung der / durch die Stasi relativieren, ich will nur darauf hinweisen, dass die aktuelle Debatte einen gewissen Zweck erfüllen könnte oder es bereits tut. In der heutigen Medienwelt geschieht nahezu nichts mehr ohne Hintergrund oder Intention. Dementsprechend sollte man sich auch seine Meinung bilden.