OFF-TOPIC: Und ihr wundert euch noch über Politikverdrossenheit?
Ich habe gerade den Fehler gemacht, mal bei Maybritt Illner reinzuschauen. Thema war “Sozial ist, was Wähler schafft” – und Gäste waren unter anderem Andrea Ypsilanti (SPD), Norbert Röttgen (CDU), Klaus Ernst (Linkspartei) und Brigitte Seebacher (Ex-Ehefrau von Willy Brandt). Mal komplett abgesehen davon, dass hier mal wieder jeder an dem anderen vorbeispricht, waren einige Sachen enorm auffällig und nervend:
- Die Witwe von Willy Brandt war nicht ein einziges Mal in der Lage, jemand anderem zuzuhören, sondern fiel ständig allen Sprechern ins Wort
- Der Typ von der Linkspartei wurde ständig provoziert und von der Moderatorin abgewürgt. Der konnte nicht einmal einen Gedanken wirklich zu Ende bringen
- Es kam ein Wirtschaftswissenschaftler zu Wort, der ernsthaft der Meinung war, dass eine Anhebung von Hartz IV auf irgendwas um 400 EUR die Leute dazu verleiten würde, noch weniger auf Arbeitssuche zu gehen, was an sich schonmal eine Frechheit ist, wenn man sich mal anschaut, wie weit man mit 400 EUR kommt
- Der gleiche Wirtschaftswissenschaftler fand auch, dass 900 EUR für einen Vollzeitjob angemessen sind – rechne ich das mal auf 160 Stunden im Monat um, ergibt sich ein Stundenlohn von 5,62 EUR. Brutto, versteht sich.
Mal im Ernst: Man mag ja von den Linken und ihren Forderungen halten, was man will. Und man mag sie auch bekämpfen wollen und ihre Aussagen für nicht realisierbar halten. Völlig in Ordnung und völlig legitim.
Aber wenn man dabei vergisst, dass hinter diesen Forderungen (ebenso wie hinter den Mindestlohn-Forderungen aller möglichen Parteien) durchaus Realitäten stehen, dann ist das schon nicht mehr traurig, sondern ignorant. Und dann muss man sich auch nicht wundern, wenn die Leute die Schnauze voll haben, von Politikern, die sich mehr um parteitaktische Erwägungen scheren, als sich um die Bedürfnisse der Schwächeren zu kümmern. Und dann passiert genau das: Die Ränder werden immer stärker, weil sie als Korrektiv zu der großen trägen Mitte dienen.
Mein ganz persönlicher Eindruck ist: Die Leute sind keineswegs politikmüde. Die sind parteimüde und können die ganzen Kochs, Becks, Lafontaines, Merkels, Westerwelles, Bütikofers und deren Kollegen nicht mehr sehen. Die Meinung der großen Mehrheit auf der Straße ist doch, dass “die da oben” nur noch im eigenen Saft kochen und den Kontakt zum “einfachen Volk” schlicht verloren haben.
Und wenn ich dann solche Sendungen wie eben die Sendung vorhin sehe, kann ich das den Leuten nicht mehr verübeln – die Protagonisten haben in ihrer Ignoranz und ihrer Überheblichkeit alles getan, um diesen Eindruck zu verstärken.
Zum Heulen ist sowas.