Ich kanns auch nach fünf Jahren immer noch nicht fassen. Und auch die Konsequenzen daraus. Was ich aber bezüglich 9/11 bemerkenswert finde: Die meisten wissen noch ganz genau, was sie an diesem Tag gemacht haben. Und bei vielen haben sich interessante Veränderungen in Charakter und Wahrnehmung von Politik entwickelt. So wie bei mir auch.
Ich war an dem Tag im Office. Ich hatte am 01.08. bei meiner neuen Firma angefangen und war somit zusammen mit einem Kollegen fleißig am rumwerkeln und noch voll motiviert. Rückblickend würde ich sagen, es lag was in der Luft – irgendwann musste es einen Anschlag oder etwas ähnliches geben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Kollege und ich am Vormittag gemeinsam überlegt haben, wie man in den Vereinigten Staaten am meisten Chaos anrichten könnte – unsere Idee: Flugzeuge entführen und die Tower lahm legen (wir meinten aber die Lotsentower und mit “lahm legen” meinten wir, denen den Strom per Virus abzuschalten). Wir haben uns das ein wenig ausgemalt – Chaos, Wahnsinn und Verunsicherung, und uns danach wieder unserer Arbeit gewidmet.
Gegen fünfzehn Uhr dreißig haben wir etwa zeitgleich auf SPIEGEL ONLINE geschaut – bzw. wollten dort schauen. Nur ging da schon nix mehr. Wir haben dann ein wenig rumgesucht und sind letztlich bei N24 gelandet, die einen Livestream hatten.
Und dann haben wir nicht mehr gearbeitet.
Ich bin dann im Büro rumgelaufen und hab mit den Kollegen geredet. Wir haben natürlich versucht, Informationen zu erhalten, aber alle großen Webseiten waren überlastet. Und Blogs gab es ja damals noch nicht.
Alle hatten wir Angst, das sowas auch bei uns geschehen konnte – wir waren damals cirka 250 Meter vom Fernsehturm am Alexanderplatz weg, und der war 368 Meter hoch (ist er immer noch). Und wenn da ein Flugzeug aus Richtung Hackescher Markt reinfliegt, fällt das Teil auf unser Haus. Solche Gedanken hatten wir. Noch wochenlang.
Heute hat sich diese unmittelbare Angst natürlich gelegt. Ebenfalls sieht man heute die eventuellen Ursachen etwas differenzierter, als dies 2001 der Fall war. Und, natürlich, man hat sich verändert. Bei mir ist die größte Veränderung, das ich wesentlich mehr auf meine Familie und meine Freunde achte und das sich die Prioritäten auch mehr in diese Richtung verschoben haben.
Ebenfalls ist mein Verhältnis zu den USA viel differenzierter. Vor dem 11.09. stand ich den USA generell und ohne Ausnahme eher gleichgültig bis ablehnend gegenüber. Heute ist dies in vielen Punkten anders – wohl auch, weil ich inzwischen mehrfach in den Staaten war (zuletzt um den 11.09.2005 herum). Ich stehe der Bush-Politik sehr negativ gegenüber, aber mache sehr genaue Unterschiede, wenn es um die Menschen und das Land als solches geht. Tatsächlich könnte ich mir vorstellen, dort viele Urlaube zu verbringen oder sogar irgendwann dort zu leben – aber nur in der Umgebung einer bestimmten Stadt, in die ich mich schon beim ersten Besuch verliebt habe.
Eines allerdings hat sich bei mir sehr stark geschärft: Der Blick hinter die Kulissen. Ich sehe sehr genau, wem der 11. September, die Anschläge in Madrid und London, die versuchten Anschläge in Köln und Dortmund Vorteile gebracht haben: Den Hardlinern, dem Militär, den Rüstungsunternehmen. Und ich sehe, wer oder was drunter leidet: Die freiheitlichen Ideale, der Rechtsstaat und letztlich unser aller Freiheit. Und ich kann sehr gut einordnen, wer das wie und warum ausnutzt.
Also, was hat 9/11 bei mir bewirkt? Mehr Fokus auf Familie. Mehr Achtung vor Menschen und dem Leben an sich. Mehr Respekt vor positiven Idealen und Ideen. Militante Ablehnung von militanten Tendenzen oder Terroranschlägen. Den Wunsch, irgendwann selbst Politik zu gestalten – wobei das nochmal ein anderes Thema ist…
Und nach wie vor wünsche ich mir, dass das nie geschehen wäre.